DIE FRAU DES ZEITREISENDEN ... natürlich geht es um Zeitreisen, aber ich gebe zu, dass mich der Titel nie so richtig interessiert hat, das klang doch sehr nach romantischem Kitsch. Dann habe ich den Film gesehen ... warum auch immer ... und mir hat die Geschichte gefallen. Dann habe ich die Serie gesehen und war begeistert. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Film, Serie und Buch, aber jedes Medium für sich gesehen ist überzeugend (mehr oder weniger in diesen oder jenen Aspekten). Und ja es ist eine romantische Geschichte, aber nicht wirklich kitschig.
Niffeneggers Roman ist eine ungewöhnliche Mischung aus Liebesgeschichte und Zeitreise-Roman. Und obwohl Zeitreisen das zentrale fantastische Element bilden, geht es im Kern weniger um Science-Fiction als um die Frage, wie eine Beziehung bestehen kann, wenn Zeit, Alter und gemeinsame Erinnerungen ihre gewöhnliche Ordnung verlieren. Deswegen darf man auch nicht erwarten, dass Niffenegger eine Erklärung für ihre Zeitreisegeschichte gibt (aber sie gibt eine Erklärung, warum sie keine gibt, was durchaus auch berechtigt ist und jeglichen fantastischen Erklärungsversuch hinfällig macht), aber dafür gibt es durchaus Interaktionen zwischen den Henrys diverser Zeiten (was wohl ein pubertierender Henry mit einem anderen pubertierenden Henry hinter verschlossenen Türen machen?). Henry und Clare treffen sich im Laufe eines Lebens immer wieder, und Clare weiß von Kindheit an, dass sie Henry heiraten wird. Für den Henry der Gegenwart dagegen ist diese Begegnung zunächst völlig neu. Ihre Beziehung entwickelt sich somit nicht für beide in derselben Reihenfolge.
Gerade diese Konstruktion macht den Roman faszinierend. Niffenegger nutzt die Zeitreisen nicht hauptsächlich für spektakuläre Abenteuer, sondern untersucht ihre Auswirkungen auf den Alltag. Was bedeutet Treue, wenn der Partner jederzeit verschwinden kann? Wie lebt man mit einem Menschen zusammen, von dem man weiß, dass er möglicherweise plötzlich Tage oder Wochen seines Lebens überspringt? Und wie verändert sich Liebe, wenn einer der Partner bereits Dinge über die gemeinsame Zukunft weiß, die der andere noch nicht erlebt hat?
Besonders gelungen ist der Wechsel zwischen Clares und Henrys Perspektive. Beide erzählen ihre Geschichte selbst, wodurch dieselben Ereignisse teilweise völlig unterschiedlich wirken. Henry erlebt seine Zeitsprünge als Kontrollverlust und körperliche Gefahr. Clare erlebt vor allem das Zurückbleiben. Damit erklärt sich auch der Titel: Obwohl Henry der eigentliche Zeitreisende ist, richtet Niffenegger den Blick mindestens ebenso stark auf die Frau, die immer wieder auf ihn warten muss. Das Buch besitzt dabei eine bemerkenswerte emotionale Bandbreite. Manche Episoden sind humorvoll und beinahe absurd, andere romantisch, melancholisch oder ausgesprochen düster. Vor allem wenn sich das Buch dem Ende nähert... dort wird aus Andeutungen Gewissheit und das wirkt sich auch auf den Leser aus.
DIE FRAU DES ZEITREISENDEN befasst sich hinter der fantastischen Ausgangslage mit sehr realen Themen: Liebe, Verlust, Krankheit, Kinderwunsch, Altern und Tod.
Durch die zahlreichen Zeitsprünge und Altersangaben verlangt die Handlung allerdings auch Aufmerksamkeit. Und gerade gegen Ende (man könnte sagen, nachdem die gemeinsame Tochter geboren wurde) schwächelt die Handlung ein bisschen, bzw. zieht sich etwas in die Länge. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass die Autorin nicht weiß wie sie ihren Roman zu Ende bringen soll (es scheint als wäre der Tod nicht unbedingt das Ende). Und wer nun denkt, dass ich die Geburt der Tochter spoilere ... nun, demnächst erscheint die Fortsetzung DIE UNRUHE DER ZEIT (über die Tochter des Zeitreisenden).
Ja, DIE FRAU DES ZEITREISENDEN ist eine romantische Geschichte (etwas, das ich eher weniger lese, auch wenn Ausnahmen die Regen bestätigen) und weniger ScienceFiction, und auch wenn es manchmal sehr drastisch zu geht (Und man manche Szenen durchaus hinterfragen kann), so ist es eine schöne Geschichte, die es wert ist gelesen zu werden. Und ja, man darf hervorheben, dass die Geschichte ungewöhnlich ist, aber nicht kitschig (höchstens ein bisschen, aber weit innerhalb des Rahmens des Erträglichen)
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Hallo Martin,
AntwortenLöschensieh an, ich hätte nicht gedacht, dass du so begeistert bist! :) Ich habe das Buch schon einige Male an Nicht-Romantik-Leser:innen empfohlen. So wirklich wollte es nicht angenommen werden.
Freut mich, dass du eine gute Zeit mit der Geschichte hattest.
Liebe Grüße
Nicole