Montag, 27. Juli 2026

Julian Brave Noisecat: Wir überlebten die Nacht (Rezension)

Auf den Spuren seiner Familie taucht Julian Brave NoiseCat tief in die Geschichte der First Nations Kanadas ein und findet heraus, dass sein Vater ein Überlebender der St. Joseph’s Mission ist.
Basierend auf fünf Jahren Recherche und Reisen zeichnet »Wir überlebten die Nacht« ein tiefgründiges, unvergessliches Porträt indigener Wirklichkeit, das sich der Unsichtbarmachung, der systematischen Verdrängung, der Auslöschung und den intergenerationellen Traumata der First Nations widmet. Brillant verwebt NoiseCat persönliche Geschichten mit investigativem Journalismus und traditionellen indigenen Erzählformen. Dabei entsteht eine Rückeroberung – von Geschichte, Identität und familiärer Zugehörigkeit. Eine persönliche Wiederannäherung an einen Vater, der gegangen ist.

Was wissen wir über Kanada? Es ist schwierig gegen die Supermacht USA zu bestehen und oft muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass die USA NICHT Amerika sind, denn, da gibt es noch viel mehr. Und Kanada ... davon hört man weniger als von diversen politischen Verwirrungen in Südamerika. Und auch sonst habe ich den Eindruck, dass Kanada kaum in den Gedanken der Europäer ist. Mit WIR ÜBERLEBTEN DIE NACHT dachte ich, dass ich mir zumindest die nähere Geschichte des Landes näher bringen lassen kann.
Und auch wenn WIR ÜBERLEBTEN DIE NACHT ein gutes, informatives Buch ist und mein Horizont durchaus erweitert wurde, so war es nicht das, was ich erwartet habe. Es hat mehr den Anschein einer Biografie (nämlich der des Autors und seiner Familie). Das dunkle Kapitel von Kanadas katholischen Schulen für indigene Kinder wird zwar angesprochen und ist sehr präsent, aber nur ein Teil der Geschichte indigener Familien in Kanada, in den vergangenen Jahrzehnten.
NoiseCats Vater war Überlebender der berüchtigten St. Joseph's Mission in British Columbia. Von dort aus entfaltet sich eine vielschichtige Erzählung über Generationentraumata, Identität, Verlust und die schwierige Annäherung eines Sohnes an seinen Vater. Die persönliche Perspektive verleiht den historischen Ereignissen eine emotionale Tiefe, die reine Sachbücher selten erreichen. Statt abstrakter Zahlen stehen Menschen im Mittelpunkt – mit ihren Erinnerungen, Wunden und ihrer bemerkenswerten Widerstandskraft. Noisecat verbindet sorgfältig recherchierten Journalismus mit den mündlichen Erzähltraditionen der Secwépemc und anderen indigenen Gemeinschaften. Mythen, Familiengeschichten und historische Dokumente greifen ineinander, ohne jemals künstlich zu wirken. Dadurch erhält das Buch eine poetische Qualität, die den Schmerz seiner Geschichte nicht abschwächt, sondern noch eindringlicher macht. Und die Geschichten des Tricksters Kojote, von denen es viele in den indigenen Völkern gibt, sorgen für eine besondere Verbundenheit und Tiefe zu Noisecats Geschichte. Allerdings beschönigt der Autor nichts, er beschreibt die Tatsachen wie sie sind. Die Schilderungen von Gewalt, kultureller Auslöschung und institutionellem Missbrauch sind nicht jedermanns Sache, aber wichtig für das Begreifen kanadischer Geschichte. Gleichzeitig verliert das Buch nie den Blick für Hoffnung und Überlebenskraft und ist für all jene eine Bereicherung, welche sich mit der kanadischen Geschichte (oder die der indigenen Stämme)auseinander setzen wollen.
NoiseCats eindringliche Erzählweise, aufgelockert durch die Trickser-Geschichten, aber vielleicht gerade auch deswegen, sorgt für eine Nähe zum Leser, selbst wenn es sich um einen Europäer handelt. Ein Buch das nachhält.

WIR ÜBERLEBTEN DIE NACHT bei amazon (AffiliateLink)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Durch das Kommentieren eines Beitrags auf dieser Seite werden automatisch über Google personenbezogene Daten erhoben. Diese Daten werden ohne Ihre ausdrückliche Zustimmung nicht an Dritte weitergegeben. Weitere Informationen finden Sie in der Datenschutzerklärung. Mit dem Abschicken eines Kommentars wird die Datenschutzerklärung akzeptiert.