London, November 1866. Als die verstümmelte Leiche des beliebten Geistlichen Tobias Atwater auf einer Baustelle im East End gefunden wird, scheint nichts auf ein Motiv für die grausame Tat hinzuweisen. Doch der Mord bleibt nicht der einzige. Schon bald erschüttert eine Serie von Verbrechen die Stadt und jedes neue Opfer scheint auf rätselhafte Weise mit den anderen verbunden zu sein.
Die junge Ärztin Dr. Julia Lewis übernimmt die Untersuchung der Leichen und arbeitet widerwillig mit Inspector Richard Tennant von Scotland Yard zusammen. Während die beiden den Spuren des Mörders folgen, stoßen sie auf ein Netz aus alten Geheimnissen, vertuschten Verbrechen und dunklen Erinnerungen, das bis in die Armenhäuser und Krankenstationen des Londoner East Ends zurückreicht.
Gleichzeitig verhöhnt der Täter die Polizei mit mysteriösen Botschaften und scheint jeden Schritt der Ermittler vorauszuahnen. Während die Zahl der Toten steigt, müssen Julia Lewis und Richard Tennant die Wahrheit aufdecken, bevor der Mörder erneut zuschlägt.
Mit DER MÖRDER IN WHITECHAPEL gelingt Patrice McDonough ein atmosphärisch dichter Auftakt zu einer historischen Krimireihe, der spannende Ermittlungsarbeit mit den gesellschaftlichen Schattenseiten des viktorianischen Englands verbindet. Auch das Ermittlerteam, sofern man davon sprechen möchte, ist interessant und etwas ungewöhnlich. Während Tennant zunächst mit erheblichen Vorbehalten auf seine neue Mitstreiterin reagiert, überzeugt Julia durch medizinisches Fachwissen, Beobachtungsgabe und bemerkenswerte Entschlossenheit. Das Zusammenspiel der beiden Figuren bietet reichlich Konfliktpotenzial und verleiht der Geschichte eine zusätzliche Ebene jenseits der eigentlichen Mörderjagd. Nun ja, neu ist das nicht. Vor allem die Darstellung der weiblichen Protagonistin. Stark und durchaus nicht auf den Mund gefallen, erhaben über die Vorurteile, die Männer ihr entgegen bringen. Das kennt man aus vielen historischen Romanen, die in der Gegenwart geschrieben wurden. Historisch mehr oder weniger korrekt (was gut und/oder schlecht sein kann), aber durchaus modern, was die Rolle der Frau anbelangt. Vergleicht man Romane aus der damaligen Zeit, bekommt man ein anderes Bild, aber ... Autoren und Autorinnen sind immer Kinder ihrer Zeit.
McDonough zeichnet das viktorianische London keineswegs als romantische Kulisse aus Gaslaternen und Pferdekutschen. Vielmehr führt sie in eine Gesellschaft voller sozialer Gegensätze, in der Armut, mangelnde medizinische Versorgung und die erschreckenden Zustände in den Armenhäusern zum Alltag gehören. Die Verbrechen der Gegenwart sind eng mit lange zurückliegenden Ereignissen verknüpft, wodurch die Ermittlungen zunehmend gesellschaftliche Abgründe offenlegen.
Auch erzählerisch setzt die Autorin auf eine wirkungsvolle Mischung aus klassischem Rätselkrimi und düsterem Thriller. Die teilweise drastischen Schilderungen der Verbrechen machen allerdings deutlich, dass es sich hier keineswegs um einen behaglichen historischen Wohlfühlkrimi handelt.
Atmosphärisch stark geschrieben, sympathische Protagonisten mit Ecken und Kanten, eine spannende Handlung. Und doch weist der Roman Schwächen auf, die dem Lesevergnügen im Weg stehen, und man doch lieber auf Bücher von C. S. Harris oder Andrea Penrose zurückgreifen möchte, die auf ihre Art die Vergangenheit authentischer greifbar machen.
Kritisch hinterfragen darf man zum Beispiel, wie selbstverständlich manche Möglichkeiten der jungen Ärztin innerhalb der damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse erscheinen. Gerade dieser Aspekt würde einen interessanten Ansatzpunkt geben, um sich näher mit der Geschichte weiblicher Mediziner im 19. Jahrhundert auseinanderzusetzen. Das bleibt aber eher im Hintergrund und ließe sich besser ausarbeiten.
Bei einem zweiten Punkt bin ich mir nicht sicher, ob es der Autorin oder der Übersetzerin anzukreiden ist. Patrice McDonough studierte Geschichte, Jeanette Mey übersetzt historische Romane... beiden kann man also eine gewisse Erfahrung zugestehen. Nur ... es mag eine Kleinigkeit sein, aber historisch doch bedeutend: im 19. Jahrhundert gab es (meines Wissens) noch keine Schwulenkneipen, die man als solche bezeichnen könnte, Homosexuelle Männer und ihre Treffpunkte wurden eher umschrieben und das Wort schwul ist eine "Erfindung" des 20. Jahrhunderts. Mag sein, dass es abwertend klingen sollte (um einem Charakter mehr Tiefe zu verleihen?), aber es ist nicht zeitgemäß.
DER MÖRDER VON WHITECHAPEL hat seine Stärken, aber auch Schwächen und es gibt noch viel Platz nach oben. Leider gibt es auf dem Sektor der historischen Englandkrimi eine starke Konkurrenz und im Vergleich zu dieser (auch aus dem eigenen Verlag) kann der Roman nicht mithalten. Ganz nett geschrieben, mit einigen historischen Fragwürdigkeiten, aber man muss auch sagen, dass man nichts verpasst, wenn man diese Reihe ignoriert.
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