Mittwoch, 21. Oktober 2026

Elizabeth George: Auf Ehre und Gewissen (Rezension)

Ein Elite-Internat: Tradition, Ehre und Leistung bestimmen das Leben der Schüler. Ausgerechnet hier wird eines Tages die Leiche des kleinen Matthew Whateley gefunden, und damit beginnt die Fassade von Moral und Kameradschaft zu bröckeln. Bei ihren Nachforschungen treffen Inspector Lynley und Sergeant Barbara Havers von Scotland Yard allerdings auf eine Mauer des Schweigens ...
Mit AUF EHRE UND GEWISSEN, dem dritten (oder vierten) Band der LYNLEY-Reihe, führt Elizabeth George ihre Leser in die abgeschlossene Welt eines traditionsreichen englischen Eliteinternats. Ein klassischer Englandkrimi-Schauplatz, aber natürlich sorgt die Autorin dafür, dass man nicht von Klischees und Altbekanntem gelangweilt wird. Hinter der ehrwürdigen Fassade von Bredgar Chambers offenbaren sich Machtmissbrauch, Gruppenzwang, Grausamkeit und eine Kultur des Schweigens. Die Schule wird zum Spiegel einer Gesellschaft, in der Standesdenken und überkommene Ehrbegriffe das Verhalten der Menschen bestimmen. George zeichnet ihre Figuren mit großer Genauigkeit und zeigt, wie Angst, Schuldgefühle und der Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung menschliche Entscheidungen beeinflussen. Dabei vermeidet sie einfache Erklärungen und entwickelt ein komplexes Geflecht persönlicher Verantwortlichkeiten. Durch eine eher ruhige Erzählweise schleicht sich nach und nach die Spannung, zahlreiche Wendungen sorgen für Überraschung und je tiefer der Leser in das Verbrechen eintaucht, desto weniger möchte er dieses Buch beiseite legen. Zumal durch die Protagonisten Havers und Lynley die Unterschiede in Stand und Bildung noch deutlicher gezeigt werden. Gleichzeitig harmonieren die beiden auf wunderbare Art, die manchmal Havers in ihrer Rolle als Sergeant glänzen lässt, bevor sie wieder zu ihrer alten ruppigen und aufsässigen Art zurückkehrt. Für mich ist (und war) Havers der eigentliche Star der Reihe (auch in der Serie von 2021). Allerdings ergießt sich George auch gerne in Detaills, die nicht unbedingt für die Handlung nötig sind. Die ausführlichen Charakterstudien und zahlreichen Verwicklungen bremsen gelegentlich die Handlung und beeinträchtigen den Spannungsbogen. Aber ... gegen Ende hin ändert sich das und dann ... aber ich wiederhole mich. Tatsächlich zeigt aber George auch in den langatmigen Passagen dass sie ihr Handwerk beherrscht, denn langweilig wird es nicht. Manchmal vergisst man allerdings, dass man einen Krimi liest und keine Beschreibung englischen Internatsleben. Auch mal amüsant ... hätte es in dieser Ausführlichkeit aber nicht unbedingt benötigt. Über diese Schwächen kann man hinwegsehen, man wird durchaus gut unterhalten, und ich kann George jedem ans Herz legen, der englische Krimis jenseits der zahlreichen Wohlfühlkrimis mag.

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