Montag, 28. September 2026

Janina Ramirez: Heldinnen, Herrscherinnen, Heilige (Hörbuch) (Rezension)

Europas Nationen entstanden auf Kosten der Wahrheit – und auf Kosten von Frauen
Die britische Historikerin und Bestsellerautorin Janina Ramirez definiert unser Verständnis von nationaler Identität neu: Sie begibt sich auf eine Spurensuche vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert, um die Frauen zu finden, deren Leben und Geschichten die Entstehung der europäischen Länder geprägt haben. Ramirez zeigt, dass die Biografien von Johanna von Orléans, Lady Godiva oder Isabella von Kastilien über Jahrhunderte instrumentalisiert wurden, um Nationalmythen zu schaffen. Ihre Namen sind uns zwar vertraut, doch ihre Geschichten wurden umgedeutet, romantisiert und verfälscht. Aus mutigen, komplexen Persönlichkeiten wurden Symbole – für Reinheit, Opferbereitschaft oder Macht –, angepasst an die jeweiligen Ideologien ihrer Zeit.
Ramirez lässt uns in eine Welt voller Intrigen, Machtspiele und vergessener Heldinnen eintauchen – und warnt zugleich eindringlich vor den zerstörerischen Mechanismen einer Geschichte, die zu den eigenen Zwecken umgeschrieben wird.

Wie viel von dem, was wir über berühmte Frauen der europäischen Geschichte zu wissen glauben, ist tatsächlich Geschichte – und wie viel davon ist eine nachträglich geschaffene Legende? Dieser Frage geht Janina Ramirez in Heldinnen, Herrscherinnen, Heilige nach. Sie erzählt die wahren Geschichten der Frauen hinter Europas Nationalmythen, die Geschichte von Frauen, deren tatsächliche Lebensgeschichten im Laufe der Jahrhunderte überlagert, vereinfacht oder für politische Zwecke instrumentalisiert wurden.
Im Mittelpunkt stehen bekannte Persönlichkeiten wie Johanna von Orléans, Isabella von Kastilien, Katharina von Siena, Lady Godiva (von der man immer gleich eine nackte Frau auf einem Pferd vor Augen hat) oder Kaiserin Adelheid. Ramirez beschränkt sich nicht darauf, deren Biografien nachzuerzählen. Viel spannender ist die Frage, was spätere Generationen aus diesen Frauen gemacht haben. Aus historischen Persönlichkeiten wurden Heilige, Märtyrerinnen, Nationalheldinnen, Verführerinnen oder Symbole vermeintlich typisch nationaler Tugenden. Dabei gingen Widersprüche verloren und historische Menschen verwandelten sich in Projektionsflächen (wer weiß eigentlich wer Lady Godiva war?).
Ramirez zeigt eindrucksvoll, dass Nationalmythen keineswegs einfach aus der Vergangenheit überliefert werden. Sie entstehen, verändern sich und werden immer wieder den Bedürfnissen der jeweiligen Gegenwart angepasst. Eine mittelalterliche Frau kann Jahrhunderte später plötzlich für politische Vorstellungen stehen, die ihr selbst vollkommen fremd gewesen wären.
Besonders interessant ist dabei Ramirez’ Blick über das Mittelalter hinaus. Sie verfolgt die Wirkungsgeschichte ihrer Protagonistinnen bis in die Neuzeit und verbindet sie teilweise mit Frauen des 18. und 19. Jahrhunderts. Dadurch wird deutlich, wie langlebig historische Bilder sein können. Jeanne d’Arc ist hierfür vielleicht das bekannteste Beispiel: Hinter der historischen Person liegen inzwischen zahlreiche Schichten religiöser, politischer und nationalistischer Deutungen. Und ihre Wahrnehmung mag heute für viele auch sehr unterschiedlich sein.
Ramirez erzählt lebendig und mit spürbarer Begeisterung für ihr Thema. Trotz der umfangreichen historischen Hintergründe bleibt das Buch weitgehend zugänglich, trockener Geschichtsstoff ist das nicht und auch wenn es sich um Personen der Vergangenheit handelt, so werden sie alles anders als mystifiziert und verklärt. Mag sein, dass viele der Frauengestalten Heldinnen, Heilige oder Märtyrerinnen sind, aber ... es waren auch Frauen ihrer Zeit.
Allerdings verlangt die große Zahl an Personen, Orten, dynastischen Verbindungen und politischen Konflikten durchaus Aufmerksamkeit. Gerade als Hörbuch ist es gelegentlich schwierig, den vielen Namen und Zusammenhängen zu folgen. Die gedruckte Ausgabe dürfte hier durch die Möglichkeit des Zurückblätterns und Nachschlagens einen gewissen Vorteil besitzen.
Nicht jede Verbindung zwischen den porträtierten Frauen wirkt zudem gleichermaßen zwingend. Gelegentlich hat man den Eindruck, dass zwei Lebensgeschichten vor allem deshalb nebeneinandergestellt werden, damit die übergeordnete Argumentation funktioniert. Das schmälert den Wert der einzelnen Porträts jedoch kaum. Ich bin durchaus angetan von der Auswahl der Portraits. Vermutlich hätte man noch viel mehr Beispiele finden können, aber so wirkt das Buch nicht überfrachtet. Jede Frauenpersönlichkeit bekommt den Raum, der ihr zusteht, ohne dass sich Ramirez in Oberflächlichkeiten oder Allgemeinheiten ergießt.
HELDINNEN, HERRSCHERINNEN, HEILIGE ist mehr als ein Buch über außergewöhnliche Frauen. Es ist ein Buch darüber, wie Erinnerung funktioniert und wie aus Geschichte Mythos wird. Wer entscheidet, an wen sich eine Gesellschaft erinnert? Warum werden bestimmte Eigenschaften hervorgehoben und andere verschwiegen? Und was verrät die Verehrung historischer Persönlichkeiten möglicherweise stärker über die Nachwelt als über die Menschen, die verehrt werden? HELDINNEN, HERRSCHERINNEN, HEILIGE ist ein gut erzähltes Sachbuch, das bekannte Frauen der europäischen Geschichte aus dem Schatten ihrer eigenen Legenden hervortreten lässt. Besonders empfehlenswert für jene, die sich nicht nur dafür interessieren, was in der Geschichte geschah, sondern auch dafür, wie und warum wir uns heute auf eine bestimmte Weise daran erinnern.
Das Hörbuch mag dabei seine Grenzen erreichen, manchmal wünschte man sich, noch einmal zurückblättern zu können. Aber innerhalb dieser Limitierung liefert Sprecherin Rubina Nath einen guten Job ab. Durch sie wird aus dem Stoff lebendige Geschichte.

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