Dienstag, 8. September 2026

Bart van Loo: Napoleon (Rezension)

Wie kam es dazu, dass sich ein unbekannter Korse zum Kaiser der Franzosen krönte, ein aufgeklärtes Recht einführte, mit seinen Feldzügen Europa umkrempelte, dabei Millionen Tote hinterließ und schließlich in den Sümpfen bei Waterloo scheiterte? Meistererzähler Bart Van Loo findet die Antwort in den Turbulenzen der Französischen Revolution, die im gleichen Atemzug die Guillotine und die Menschenrechte erfand. Sein brillant erzähltes Epos über die Revolution und Napoleon lässt beide in neuem Licht erscheinen.
Napoleon Bonaparte hat mit seinen Reformen und Feldzügen Europa und die Welt verändert. Sein langer Schatten liegt bis heute über unserer Zeit. Bart Van Loo nähert sich dieser Ausnahmegestalt mit frischem Blick. Quellennah und unter Berücksichtigung der neuesten Forschung schildert er das Leben des Korsen, Generals, Ersten Konsuls, Kaisers, genialen Feldherrn und Gefangenen auf St. Helena neu. Dabei verwebt er die Geschichte der Französischen Revolution mit der Lebensgeschichte Napoleons zu einer grandiosen Erzählung, die zeigt, wie die Revolution Napoleon "machte": als ihren langen Schatten.

Napoleon Bonaparte gehört zu jenen historischen Persönlichkeiten, über die scheinbar längst alles geschrieben worden ist. Feldherr, Revolutionserbe, Diktator, Kaiser, Gesetzgeber und schließlich Verbannter – kaum eine Gestalt der europäischen Geschichte ist ähnlich stark von Legenden überlagert. Und er ist nach wie vor ständig präsent, jedenfalls habe ich den Eindruck, und dabei bin ich weder Franzose oder Korse, noch lebe ich in Leipzig oder Elba ... Und Waterloo ist mir nur durch ABBA präsent ... und doch... Napoleon ist überall, immer noch. Und auch wenn man denkt alles zu kennen und bereits alles geschrieben wurde, was man über ihn schreiben kann ... so wagt es immer wieder jemand um ein neues Buch über Napoleon zu veröffentlichen. Aber hat man nicht schon alles gehört oder gelesen? Scheinbar nicht, denn Bart van Loo wagt einen neuen Weg oder eher einen Mittelweg. Kein Roman, obwohl sich sein Buch so liest, kein Sachbuch, obwohl es eines ist, auch wenn man es auf den ersten Blick nicht merkt. Und so kann man sagen, dass er sehr geschickt dem Leser Napoleon und einen Teil der französischen Geschichte nahebringt, und diese fast so erleben lässt, als wäre man selbst dabei... gewesen.
Geschichte wird bei van Loo nicht als trockene Abfolge politischer Entscheidungen präsentiert, sondern als große Erzählung. Persönlichkeiten, Schlachten, politische Intrigen und gesellschaftliche Umbrüche werden zu einem Panorama verbunden. Das macht Napoleon vor allem zu einem Buch für Leser, die historische Sachbücher nicht nur zur Information, sondern auch wegen des erzählerischen Vergnügens lesen.
Eine besondere Stärke liegt darin, Napoleon nicht isoliert zu betrachten. Sein Aufstieg wird aus den politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen der Französischen Revolution heraus verständlich. Der junge korsische Offizier erscheint damit weniger als ein plötzlich auftauchendes militärisches Genie denn als Produkt einer Epoche, in der traditionelle Hierarchien zusammenbrachen und Begabung, Ehrgeiz und Rücksichtslosigkeit plötzlich außergewöhnliche Karrieren ermöglichten. Und ja, Napoleon wird menschlich, fast schon ein freund oder Familienangehöriger. Man fiebert mit, man denkt mit, man erlebt mit. Und dabei wertet van Loo nicht. Er stellt Napoleon wertfrei dar, der Leser selbst muss entscheiden was er von ihm halten soll. Eine schwierige Aufgabe, die meiner Meinung nach dem Autor meisterhaft gelungen ist.
Bart Van Loos Napoleon ist weniger eine endgültige wissenschaftliche Neubewertung Napoleons als eine hervorragend erzählte Annäherung an einen der widersprüchlichsten Menschen der europäischen Geschichte. Ein Buch, das jedem zu empfehlen ist, der sich für europäische und /oder europäische Geschichte interessiert, den Griff zu einem trockenen Sachbuch aber scheut. Denn das ist NAPOLEON von Bart van Loo bei weitem nicht. Genauso wenig wie eine fiktionale Biografie.

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