Mittwoch, 12. August 2026

Liz Nugent: Seltsame Sally Diamond (Rezension)

Entsorg mich mit dem Müll", sagte er immer. "Wenn ich sterbe, kannst du mich einfach mit dem Müll entsorgen."
Sally Diamond kann nicht verstehen, warum es seltsam sein soll, was sie getan hat. Sie hat doch einfach nur befolgt, was ihr Vater ihr aufgetragen hat. Aber plötzlich interessieren sich alle für die zurückgezogen lebende Frau: Medien, Polizei und eine unheilvolle Stimme aus ihrer Vergangenheit - an die sie keine Erinnerungen hat. Während sie nach und nach die Schrecken ihrer Kindheit versteht, entdeckt Sally zum ersten Mal wirklich die Welt. Sie findet neue Freunde, trifft weitreichende Entscheidungen und lernt, dass Menschen nicht immer meinen, was sie sagen. Doch wer ist der Fremde, der Sally Nachrichten schickt? Und warum scheint ihr Nachbar geradezu besessen von ihr zu sein? Ein Roman, der unter die Haut geht mit einer unvergesslichen Protagonistin.

Sally Diamond ist ein Charakter, den man, wegen seiner Fehler einfach gern haben muss. Und fast könnte SELTSAME SALLY DIAMOND ein FEEL GOOD ROMAN sein. Eine Frau, die versucht ihren Platz im Leben zu finden. Aber SELTSAME SALLY DIAMAND ist ein Thriller, alles andere als FEEL GOOD und ... es funktioniert. Sally bleibt sympathisch und auch irgendwie tragisch, ihre Vergangenheit ist erschreckend und ihre Familiengeschichte grausam.
Was anfangs wie eine schwarze Komödie wirkt, entwickelt sich zunehmend zu einem ausgesprochen düsteren Psychothriller. Nach und nach enthüllt Liz Nugent Sallys Vorgeschichte und führt den Leser in menschliche Abgründe. Dabei geht es um Isolation, Gefangenschaft, Missbrauch, und psychische Traumata. Mit leisen aber eindringlichen Worten beschreibt die Autorin Sallys Leben und das einer weiteren Person, Peter, der durch seine Erzählung (in der Vergangenheit) dem Thriller Tiefe verleiht. Und so erschreckend Peters Schilderungen sind (und so gerne man sie auch als fantastische Schilderungen unmöglicher Szenen sehen möchte), so normal (und teilweise humorvoll) ist Sallys Leben, wenn sie selbst nicht ihre eigene in ihr liegende Grausamkeit/Gewalttätigkeit unterdrücken würde.
Nugent erzählt von teilweise erschütternden Ereignissen, ohne sich in drastischen Gewaltschilderungen zu verlieren. Vieles entsteht vielmehr im Kopf des Lesers. Gerade dadurch können einige Szenen ausgesprochen beklemmend wirken. Stück für Stück werden Informationen über Sallys Vergangenheit enthüllt, während Peters Perspektive zusätzliche Fragen aufwirft. Dadurch verändert sich mehrfach die Einschätzung einzelner Figuren. Die Spannung entsteht weniger durch klassische Action als durch das zunehmende Verständnis dafür, was tatsächlich geschehen ist und welche Folgen diese Ereignisse bis in die Gegenwart haben.
Lediglich im letzten Teil verliert die Geschichte für mich etwas von der außergewöhnlichen Intensität des Anfangs. Einige Entwicklungen wirken stärker konstruiert als zuvor. Gleichzeitig passt gerade die Ambivalenz des Schlusses zur Grundidee des Romans: Schwere Traumata verschwinden nicht einfach, nur weil ein Geheimnis aufgeklärt wurde.
Es sind die leisen Töne, die SELTSAME SALLY DIAMOND so erschreckend machen. Ein Thriller, der an den Stellen Gänsehaut verursacht, an denen man es am aller wenigsten erwarten würde.

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