Freitag, 7. August 2026

Jochen Mariss: Tage am Fluss (Hörbuch) (Rezension)

Manchmal muss man gegen den Strom schwimmen, um bei sich anzukommen!
An einem heißen Sommertag strandet ein junger Mann bei der Fährfrau Sara Harmsen und bringt all ihre sorgsam errichteten Mauern ins Wanken. Ein Hörbuch über alte Wunden und den Mut, sich wieder auf das Leben einzulassen.
Sara Harmsen betreibt eine kleine Fähre, die das Dorf Erlengrund mit dem Rest der Welt verbindet. Mit sieben Hühnern, drei Schafen und der Hündin Luna lebt sie in einem abgelegenen Haus am Fluss. Eines Tages taucht auf Saras Fähre ein junger Mann mit einer Kopfverletzung auf, Leon. Sara verarztet den jungen Mann und versteckt ihn bei sich. Dafür verlangt sie, dass er ihr bei den Arbeiten rund um ihr Haus hilft. Beim Scheren der Schafe, bei der Reparatur des Hühnerstalls und beim Sensen der Obstwiese kommen sich Sara und Leon zögerlich näher und bringen den Mut auf, sich ihren alten Wunden zu stellen. Und sie teilen ihre Liebe zur Natur und die Sorge um unseren Planeten. Als die beiden sich gegen eine geplante Brücke wenden, die Saras Fähre bedroht, sehen sie sich Anfeindungen und Übergriffen aus dem Dorf ausgesetzt. Und dann tritt auch noch der Fluss über die Ufer …

Jochen Mariss' Debutroman TAGE AM FLUSS ist ein ruhiger Roman, der zunächst wie eine klassische Wohlfühlgeschichte anmutet, unter seiner sommerlichen Oberfläche aber durchaus ernstere Themen verhandelt. Im Mittelpunkt stehen Einsamkeit und Verlust, Umweltschutz und gesellschaftlicher Wandel.
Jochen Mariss lässt sich viel Zeit für seine Geschichte. Große dramatische Ereignisse stehen zunächst nicht im Vordergrund. Stattdessen sind es das Scheren der Schafe, die Arbeit auf der Obstwiese, Reparaturen am Hühnerstall und die gemeinsamen Mahlzeiten, durch die Sara und Leon einander näherkommen. Ein bisschen entschleunigter Alltag, der Geheimnisse dort lässt wo sie meistens am besten bleiben sollten. Mariss besitzt einen Blick für die kleinen Dinge und schafft eine ausgesprochen dichte sommerliche Atmosphäre. Der Fluss, die Wiesen, die Tiere und der alte Hof sind weit mehr als bloße Kulisse. Manchmal hat es den Anschein, dass die Protagonisten nur Beiwerk sind und die Natur die Hauptperson. Mariss macht die persönliche Geschichte seiner Figuren zum Hintergrund einer Erzählung mit aktuellen Fragen zu Klimaschutz, Naturzerstörung und dem Umgang mit begrenzten Ressourcen. Die Umweltproblematik ergibt sich aus der Handlung und aus der Lebenswelt der Figuren. Dennoch ist die Sympathieverteilung ziemlich eindeutig. Wer eine kontroverse Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Positionen erwartet, wird sie kaum finden. Leon und Sara sind die Guten, zweifellos, die Brückenbefürworter die Bösen. Grauzonen gibt es kaum, auch wenn die Argumente der "Bösen" nachvollziehbar sind. Allerdings wirkt die Geschichte auch sehr konstruiert und nicht wirklich überraschend. Manche Entwicklungen lassen sich früh erahnen, einige Nebenfiguren bleiben eher oberflächlich und nicht mehr als Stichwortgeber, und die Symbolik von Fluss, Fähre und Brücke wird nicht gerade zurückhaltend eingesetzt. Auch die Annäherung der beiden Hauptfiguren folgt stellenweise vertrauten Mustern: Zwei verletzte Menschen treffen aufeinander und helfen sich gegenseitig, wieder ins Leben zurückzufinden. Überraschend ist das nicht. Fast schon könnte man sagen, dass die Geschichte von Sara und Leon etwas dahinplätschert, die großen Aufreger sind die Umweltthemen, Überraschungen gibt es ein paar, aber so wirklich vom Hocker reißen sie einen nicht, und gänzlich unerwartet sind sie auch nicht.
Ich habe Heike Warmuth und Nils Kretschmer gerne gelauscht, sie haben Sara und Leon echtes Leben eingehaucht, und stellen in meine Augen durchaus eine Bereicherung dar, die der Geschichte mehr gibt, als wenn man sie selber lesen könnte. Mit der ruhigen Erzählweise und der ziemlich spannungsarmen Geschichte hätte ich mich sonst vermutlich weniger anfreunden können.

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