Mittwoch, 1. Juli 2026

Eleanor Barraclough: Im Schein von Gold und Feuer (Rezension)

Das wahre Leben der Wikinger – so, wie es noch nie erzählt wurde.
Bei dem Wort Wikinger haben die meisten sofort das Bild eines Kriegers vor Augen, der von einem Boot an Land springt und die unglückliche Bevölkerung überfällt. Wild, maskulin, furchtlos. Doch das wird der historischen Wirklichkeit nicht gerecht. Eleanor Barraclough erzählt deshalb die faszinierende Geschichte der ganz normalen Menschen der Wikingerzeit anhand der Spuren, die sie hinterlassen haben: Ein Kamm, der seinem Besitzer wichtiger war als jede Axt, die Notiz einer wütenden Ehefrau an ihren Mann, der mal wieder in der Taverne versackt ist, oder die Kritzeleien eines gelangweilten Schülers auf Birkenrinde, die heutigen Kinderzeichnungen bestechend ähnlich sind.
Dieses Buch lässt uns in den Alltag einer außergewöhnlichen Kultur eintauchen, die sich von den skandinavischen Kerngebieten über die abgelegenen Fjorde Grönlands bis hin zum byzantinischen Reich und dem islamischen Kalifat erstreckte.

Wer bei den Wikingern zuerst an Axt schwingende Krieger, Langschiffe und blutige Raubzüge (oder, noch weiter von der Realität entfernt an Wickie und/oder Hägar) denkt, wird von Eleanor Barracloughs Im Schein von Gold und Feuer angenehm überrascht. Die Historikerein lenkt den Blick auf jene Menschen, die in klassischen Darstellungen oft kaum vorkommen, aber das alltägliche Leben der Wikinger bestimmen: Handwerker, Kinder, Händler, Frauen, Sklaven, Reisende und Geschichtenerzähler. Und dazeigt sie auch hin und wieder mit sehr viel Humor. Gleichzeitig entsteht dadurch ein faszinierender Überblick über das alltägliche Leben in der Wikingerzeit. Anstatt die Geschichte chronologisch nach Herrschern und Schlachten zu erzählen, beschreibt Barraclough die alltäglichen Hinterlassenschaften der Menschen: Runeninschriften, Kämme, Spielsteine, Kleidungsreste, Birkenrindenbotschaften oder Grabbeigaben werden zu Ausgangspunkten kleiner Geschichten, die ein überraschend lebendiges Bild der nordischen Gesellschaft entstehen lassen. Dadurch werden die Wikinger sehr menschlich und uns gar nicht so unähnlich (wenn man sich so anschaut, was damals und heute in schriftlicher Form hinterlassen wird ... unsterbliche Epen und ... Klosprüche, anders kann man es fast nicht sagen. Der Mensch hat sich in vielen Dingen wohl eher nicht wirklich weiter entwickelt, auch wenn die Wahrnehmung der Vergangenheit manchmal mit der Realität nicht übereinstimmt.
Barracloughs Sprache ist einfach, es fällt ihr leicht wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich und anschaulich zu vermitteln, und zeigt dabei zum einen ihre Begeisterung für die Thematik aber (wie schon angedeutet) sieht das ganze auch nicht so bierernst (oder meternst). Archäologische Funde, literarische Quellen und historische Einordnungen verbindet sie zu einer Erzählung, die gleichermaßen fundiert und unterhaltsam ist. Dabei vermeidet sie romantische Verklärungen ebenso wie sensationsheischende Übertreibungen und weist immer wieder darauf hin, wo die Quellen eindeutige Aussagen erlauben und wo Interpretationen notwendig sind. IM SCHEIN VON GOLD UND FEUER ist ein gut recherchiertes und reich illustriertes Werk, das mit vielen gängigen Wikingerklischees aufräumt und zugleich zeigt, wie spannend moderne Geschichtswissenschaft sein kann. Barraclough zeigt Wikinger aus einem anderen Blickwinkel und erweitert das Wissen all jener, die sich auf diese interessante Geschichtsaufarbeitung einlassen. Für all jene, die das wahre Antlitz der Wikinger erleben möchten.

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