Donnerstag, 4. Juni 2026

R. F. Kuang: Babel (Rezension)

1828. Robin Swift, den ein Cholera-Ausbruch im chinesischen Kanton als Waisenjungen zurücklässt, wird von dem geheimnisvollen Professor Lovell nach London gebracht. Dort lernt er jahrelang Latein, Altgriechisch und Chinesisch, um sich auf den Tag vorzubereiten, an dem er in das Königliche Institut für Übersetzung der Universität Oxford - auch bekannt als Babel - aufgenommen werden soll.
Oxford ist das Zentrum allen Wissens und Fortschritts in der Welt. Für Robin erfüllt sich ein Traum, an dem Ort zu studieren, der die ganze Macht des britischen Empire verkörpert.
Denn in Babel wird nicht nur Übersetzung gelehrt, sondern auch Magie. Das Silberwerk - die Kunst, die in der Übersetzung verloren gegangene Bedeutung mithilfe von verzauberten Silberbarren zu manifestieren - hat die Briten zu unvergleichlichem Einfluss gebracht. Dank dieser besonderen Magie hat das Empire große Teile der Welt kolonisiert.
Für Robin ist Oxford eine Utopie, die dem Streben nach Wissen gewidmet ist. Doch Wissen gehorcht Macht, und als chinesischer Junge, der in Großbritannien aufgewachsen ist, erkennt Robin, dass es Verrat an seinem Mutterland bedeutet, Babel zu dienen. Im Laufe seines Studiums gerät Robin zwischen Babel und den zwielichtigen Hermes-Bund, eine Organisation, die die imperiale Expansion stoppen will. Als Großbritannien einen ungerechten Krieg mit China um Silber und Opium führt, muss Robin sich für eine Seite entscheiden ...
Aber kann ein Student gegen ein Imperium bestehen?

Mit BABEL hat R. F. Kuang einen außergewöhnlichen Roman geschaffen, der historische Fantasy, Sprachwissenschaft und Gesellschaftskritik zu einem beeindruckenden Gesamtwerk verbindet. Und obwohl ich durchwegs positive Meinungen zu diesem Buch gelesen habe, habe ich es immer wieder hinausgeschoben es zu lesen. YELLOWFACE hat mich sehr beeindruckt, aber KATHARSIS weniger, und da auch BABEL im fantastischen Bereich anzusiedeln ist, hatte ich Bedenken. Aber jetzt konnten diese ausgeräumt werden. Nicht ganz so gut wie YELLOWFACE, aber bei weitem besser als KATHARSIS (meiner Meinung nach) erschafft Kuang eine alternative Welt, die unsere durch etwas (Silber)Magie ergänzt.
Der Roman behandelt Themen wie Kolonialismus, Rassismus, Ausbeutung und kulturelle Aneignung, ohne dabei seine spannende Handlung aus den Augen zu verlieren. Die Autorin zeigt eindrucksvoll, wie Sprache sowohl Brücken bauen als auch Herrschaft sichern kann. Dabei wird deutlich, dass Bildung und Wissenschaft nicht immer neutral sind, sondern oft eng mit politischen Interessen verbunden werden.
Kuangs Stärke liegt vor allem in ihrer detaillierten Weltgestaltung. Die zahlreichen sprachwissenschaftlichen Exkurse und Fußnoten verleihen dem Roman eine bemerkenswerte Tiefe.
BABEL ist weit mehr als ein Fantasy-Roman. Es ist eine kluge, anspruchsvolle und oft unbequeme Auseinandersetzung mit Sprache, Macht und Geschichte und nur bedingt für Fans von epischen Schlachten und High Fantasy. Obwohl mit über 700 Seiten ist das Buch schon episch zu nennen. Aber ... es wird nie langweilig, fordert den Leser auch, aber er ist es wert gelesen zu werden.

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