Dienstag, 23. Juni 2026

Jo Nesbø: Das Nachthaus (Rezension)

Wer einmal im Nachthaus gewesen ist, kommt als ein anderer heraus: Nach dem tragischen Tod seiner Eltern bei einem Hausbrand wird der vierzehnjährige Richard Elauved zu Tante und Onkel in das abgelegene, düstere Städtchen Ballantyne geschickt. Kaum angekommen, haftet ihm das Stigma des Außenseiters an – und als sein Mitschüler Tom spurlos verschwindet, sind sich alle sicher: Der neue, zornige Junge muss etwas damit zu tun haben. Niemand glaubt Richard, als er behauptet, die Telefonzelle am Waldrand habe Tom wie in einem Horrorfilm in den Hörer gesogen. Niemand – außer Karen, eine rätselhafte Außenseiterin, die Richard ermutigt, den Hinweisen zu folgen, die die Polizei ignoriert.
Wer einmal im Nachthaus gewesen ist, kommt als ein anderer heraus ...

DAS NACHTHAUS ist das erste Buch das ich von Jo Nesbø gelesen habe, und ich gebe zu, dass ich Blut geleckt habe. Ist er hauptsächlich als Krimiautor bekannt so legt er hier ein genrefremdes Werk vor, das man der PHANTASTIK zuordnen kann. Ich wurde durchaus mehrmals überrascht, vor allem, weil ich (trotz Klappentext) davon ausgegangen bin, es mit einem Krimi zu tun zu haben. Aber DAS NACHTHAUS ist das nur ansatzweise, man möchte es eher als Thriller bezeichnen. Geschrieben für Jugendliche? Nun, diese müssen schon einiges aushalten können, denn der Autor scheut sich nicht davor, drastische Szenen zu beschreiben, harter Stoff auch für Erwachsene. Als Jugendbuch hin oder her, wer es etwas heftig mag, der sollte sich DAS NACHTHAUS geben. Und was den Vergleich mit Stephen King angeht. Nun, dazu sei zu sagen, dass Jo Nesbø kein Stephen King ist, und es auch nicht sein muss, und wer Stephen King erwartet sollte Stephen King lesen. Jo Nesbø hat seinen eigenen Stil und Vergleich mit Stephen King sind nur zutreffend, weil beide sich hier im selben Genre herumtreiben, aber jeder auf seine Art. Fast wäre es als würde man Stephen King mit J. R. R. Tollkien vergleichen, als er seinen ersten Fantasyroman geschrieben hat. Zurück zu DAS NACHTHAUS.
Nesbø gelingt es meisterhaft, eine beklemmende Atmosphäre aufzubauen. Die Grenzen zwischen übernatürlichem Horror und psychologischer Erklärung bleiben lange bewusst verschwommen, wodurch eine permanente Unsicherheit (und eine daraus resultierende Spannung) entsteht. Als Leser fragt man sich ständig, ob die Ereignisse tatsächlich stattfinden oder ob man sich in Richards zunehmend fragiler Wahrnehmung befindet. Verstörend kommt hinzu, dass sich der erste und der zweite Teil des Romans stark unterscheiden, was die Unsicherheit des Lesers verstärkt. Was ist real, was ist Fiktion, oder ist alles Fiktion? Und wenn alles real ist? Ein wunderschönes Spiel, das bis zum Ende durchgehalten wird und dafür sorgt, dass der Roman den Leser nachdenklich zurücklässt, auf angenehme Art.
Präzise, schnörkellos und mit einem Gespür für überraschende Wendungen schreibt Nesbø über Jugend, Trauma und das Eindringen des Unheimlichen in den Alltag (und ja, da kommen Vergleiche mit Stephen King durchaus auf, aber Coming of Age-Romane mit phantastischen Einschlägen findet man auch bei anderen Autoren und Autorinnen).
Die Handlung verändert mehrfach ihre Richtung, und einige Enthüllungen stellen frühere Ereignisse in ein neues Licht. Eine geradlinige Erzählweise ist nicht gegeben, aber der Handlung selbst ist gut zu folgen (wenn da nicht die Unsicherheit um die Realität der Ereignisse wäre ...).
Nicht das was man von Nesbø erwartet (vor allem, wenn man einen Krimi erwartet), nicht leicht zu lesen, aber wenn man sich darauf einlässt wird man wirklich gut unterhalten. Und dann darf man schnell feststellen, dass man sich in einem wahren Pageturner befindet. Was nur schwer begreiflich ist, zumal die Hauptperson nicht unbedingt Sympathien weckt und man sich hin und wieder vom Autoren verarscht fühlt (drastische Worte, aber so kann ich meiner Verwirrung zu Beginn des zweiten Teils am besten Ausdruck verleihen).
DAS NACHTHAUS weiß als Thriller mit phantastischen Elementen zu überzeugen und ist als Jugendbuch auch für Erwachse lesenswert.

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