Alexandre Marius Jacob arbeitete als Schriftsetzer und kam mit anarchistischen Kreisen in Berührung. Den Anarchisten drohte ständig Gefängnis und die Guillotine. Im Zusammenhang mit einem Sprengstoffanschlag wurde Jacob zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Danach wurde er zum Illegalisten, der die Reichen bestahl, um den Armen zu helfen.
1899 erlangte er zum ersten Mal nationale Aufmerksamkeit, nachdem er als angeblicher Polizeikommissar mit zwei Komplizen den Inhalt der Asservatenkammer der Marseiller Polizei erbeutet hatte. Wenig später verhaftet, entkam er unter Vortäuschung von Wahnsinnsspasmen.
Bis 1903 beging er mindestens 150 Einbrüche und Diebstähle, meist mit nur wenigen Komplizen, wobei seine Ideen und Fertigkeiten, sein Humor und seine Großzügigkeit die Öffentlichkeit verblüfften. Alexandre Marius Jacobb verblüffte die Öffentlichkeit und die Medien außerdem mit fantasievollen Verkleidungen, ironischen Scherzen am Tatort und seiner Werkzeugtasche, die 80 gedoppelte Einbruchsschlüssel, eine zusammenfaltbare Lampe und eine Leiter mit festen Haken aus Seide enthielt.
1903 wurde Alexandre Marius Jacob nach einer Schießerei, bei der ein Polizist ums Leben kam, verhaftet und zu lebenslangem Aufenthalt in einer Strafkolonie in Cayenne verurteilt. Siebzehn Fluchtversuche schlugen fehl. Als nach den Reportagen von Albert Londres die Strafkolonie aufgelöst wurde, kam Jacob nach Paris zurück, wo er seine Strafe bis 1927 absaß. Nachdem seine Gesundheit wiederhergestellt war, arbeitete er zunächst im Kaufhaus Printemps, dann als fliegender Händler im Tal der Loire und in der Touraine.
1929 machte Alexandre Marius Jacob die Bekanntschaft von Louis Lecoin, der die anarchistische Zeitschrift „Le Libertaire“ herausgab. Die beiden wurden Freunde, und Jacob schrieb für das Magazin. Er trat unter anderem für die Kriegsdienstverweigerung und für Sacco und Vanzetti ein.
1936 unterstützte er in Spanien die Republikaner gegen Franco, kehrte jedoch wegen der aussichtslosen Lage bald nach Frankreich zurück. 1939 kaufte er sich in Reuilly ein kleines Haus. Im Zweiten Weltkrieg gewährte er Widerstandskämpfern bei sich Unterschlupf.
Am 28. August 1954 tötete Alexandre Marius Jacob seinen Hund Négro und sich selbst durch eine Überdosis Morphium. Er hinterließ die Nachricht: „Linge lessivé, rincé, séché, mais pas repassé. J’ai la cosse. Excusez. Vous trouverez deux litres de rosé à côté de la paneterie. À votre santé.“ („Wäsche gewaschen, gespült, getrocknet, aber nicht gebügelt. Ich habe keine Lust mehr. Entschuldigt. Ihr findet zwei Liter Rosé neben dem Brotkorb. Zum Wohl.“)
Arbeiter der Nacht ist kein gewöhnlicher Erinnerungsband über einen berühmten Kriminellen, sondern das faszinierende Selbstzeugnis eines Mannes, der Einbruch, Diebstahl und Sabotage als politische Praxis verstand. Der bei Matthes & Seitz Berlin erschienene Band versammelt Texte des französischen Anarchisten Alexandre Marius Jacob, der Anfang des 20. Jahrhunderts mit seiner Bande der „Travailleurs de la nuit“ europaweit Aufsehen erregte und als mögliches Vorbild für Arsène Lupin gilt (obwohl jener das immer dementierte).
Jacob schreibt mit einer Mischung aus Witz, Trotz und analytischer Schärfe. Seine Erinnerungen sind weder reumütige Beichte noch romantische Räubergeschichte. Vielmehr begegnet man einem politischen Außenseiter, der die bestehende Gesellschaftsordnung als organisierte Ungerechtigkeit begreift und den Einbruch als Form der Umverteilung rechtfertigt. Gerade diese konsequente Perspektive macht das Buch so spannend: Der Leser wird gezwungen, vertraute Kategorien von Recht, Eigentum und Moral neu zu betrachten.
Besonders eindrucksvoll ist die Atmosphäre der französischen Belle Époque, die hier nicht als glanzvolle Epoche des Fortschritts erscheint, sondern als Welt sozialer Gegensätze, staatlicher Repression und prekärer Existenzen. Jacob schildert das kriminelle Milieu mit großer Anschaulichkeit und einem Humor, der selbst in den dunkelsten Momenten nicht verschwindet.
Die editorische Aufbereitung durch den Verlag erweist sich dabei als großer Gewinn. Das Vorwort und die ergänzenden Texte helfen, Jacobs Leben und Denken historisch einzuordnen, ohne den eigensinnigen Ton der Originaltexte zu überdecken. Dadurch entsteht nicht nur das Porträt eines legendären Einbrechers, sondern auch ein Stück Sozial- und Ideengeschichte des europäischen Anarchismus.
Keine klassische Autobiografie, aber Ausschnitte eines durchaus interessanten Lebens zu einer interessanten Zeit.
Wer Arsène Lupin mag, der sollte Alexandre Marius Jacob lesen. Der eine fiktiv, der andere real, irgendwie ähnlich, und doch anders.
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