Mittwoch, 14. Oktober 2026

David J. Edmonds , John A. Eidinow: Wie Ludwig Wittgenstein Karl Popper mit dem Feuerhaken drohte (Rezension)

Nach einer in vielen Varianten überlieferten Anekdote bedrohte bei ihrer ersten und einzigen persönlichen Begegnung Wittgenstein Popper mit einem Feuerhaken. Was sich tatsächlich hinter der bekannten Geschichte verbirgt, was am 25. Oktober 1946 bei der Begegnung wirklich geschah, decken die beiden Autoren in einer historisch-philosophischen Recherche auf.
Was so in zehn Minuten passieren kann ... Bestimmt mehr als man in WIE LUDWIG WITTGENSTEIN KARL POPPER MIT DEM FEUERHAKEN DROHTE erwarten darf. Eine Begegnung, eine Tat, aber ... keine Verletzten, demnach auch keine Toten. Und trotzdem kann man darüber ein Buch schreiben, das wie ein Krimi oder eine Fallanalyse klingt, aber auf der einen Seite viel mehr als das ist, auf der anderen viel weniger. Und dennoch, wenn man sich für Philosophie interessiert. Was also wie eineskurrile Anekdote aus der Philosophiegeschichte erscheint, entwickelt sich zu einer faszinierenden Untersuchung über wissenschaftliche Rivalität, persönliche Eitelkeiten und die intellektuellen Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts.
Was genau geschah, ist bis heute umstritten. War es tatsächlich eine Drohgebärde? Oder wurde eine hitzige philosophische Debatte nachträglich dramatisiert? Also ein Cold Case im Philosophenmilieu und alles andere als langweilig.
Die besondere Stärke der Autoren liegt darin, dass sie sich nicht mit der bloßen Rekonstruktion des Vorfalls begnügen. Vielmehr entfalten sie ein eindrucksvolles Panorama der europäischen Geistesgeschichte. Aber auch das Wien der Jahrhundertwende, der Zerfall der Habsburgermonarchie, der Aufstieg des Nationalsozialismus und die Emigration zahlreicher Intellektueller werden zu wesentlichen Bestandteilen der Erzählung.
Edmonds und Eidinow bedienen sich einer beinahe detektivischen Erzählweise. Sie vergleichen Erinnerungen, untersuchen widersprüchliche Zeugenaussagen und versuchen herauszufinden, welche Version der berühmten Begegnung am glaubwürdigsten erscheint. Die Autoren verstehen es ausgezeichnet, komplexe philosophische Positionen verständlich darzustellen, ohne den Leser mit einer übermäßigen Fülle abstrakter Argumente zu überfordern. Das Buch richtet sich deshalb keineswegs ausschließlich an philosophisch vorgebildete Leser. Auch historisch Interessierte finden reichlich Stoff.
WIE LUDWIG WITTGENSTEIN KARL POPPER MIT DEM FEUERHAKEN DROHTE ist ein ebenso intelligentes wie kurzweiliges Buch, das weit über die titelgebende Anekdote hinausgeht, ein faszinierendes Stück Geistesgeschichte, das eindrucksvoll zeigt, wie sich hinter einer scheinbar nebensächlichen akademischen Auseinandersetzung grundlegende Fragen über Wahrheit, Erkenntnis und die Aufgabe der Philosophie verbergen.
Trotz gelegentlicher Abschweifungen und einer gewissen erzählerischen Zuspitzung handelt es sich um ein ausgesprochen lesenswertes Werk, das sowohl Philosophieinteressierten als auch Liebhabern anspruchsvoller historischer Sachbücher empfohlen werden kann.

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