Montag, 6. Juli 2026

Sascha Sprikut: Raskova und die Macht der Schatten (Rezension)

Es ist kein Geschenk. Es ist keine Gabe. Trau ihren Lügen nicht. In einer Welt, in der Bäume ein Relikt der Vergangenheit sind, gilt Yulyas Fähigkeit, Holz zu spüren, als Fluch. Denn aus den Wäldern kamen einst die Schatten, die alles vernichteten. Als ihre Gabe entdeckt wird, bleibt ihr nur die Flucht. Auf sich allein gestellt macht sie sich auf die Suche nach der Wahrheit über ihre Kräfte – und über die Vergangenheit, die ihre Welt geprägt hat. Doch Yulya gerät zwischen die Fronten: Die geheimnisvollen Redma, die einst zur Zerstörung beitrugen, wollen sie für sich gewinnen. Gleichzeitig ist ihr ein skrupelloser Sklavenhändler dicht auf den Fersen und hält ihre beste Freundin bereits gefangen. Um sie zu retten, muss Yulya entscheiden, wem sie trauen kann … und welchen Preis sie bereit ist zu zahlen.

Der erste Roman von Sascha Sprikut, Raskova und die Macht der Schatten stellt ein Fantasy-Debüt dar, das sich von den üblichen Genrestandards abhebt. Ihre Welt ist von  osteuropäischer Kultur , und erschafft eine Atmosphäre die ebenso fremdartig wie faszinierend wirkt. Schon nach wenigen Seiten entsteht das Gefühl, einen Ort zu betreten, dessen Geschichte weit älter und komplexer ist, als sie zunächst erscheint. 
 Im Mittelpunkt steht Yulya, deren außergewöhnliche Fähigkeit, Holz aufzuspüren, in ihrer Welt kein Geschenk, sondern ein lebensgefährlicher Fluch ist. Wälder gelten als Ursprung einer uralten Katastrophe, und jede Verbindung zu ihnen weckt Angst und Misstrauen. Als Yulyas Gabe entdeckt wird beginnt eine Reise durch eine fremde Welt, bei der nicht nur die Protagonistin ihre eigene Überzeugung und ihr Wissen hinterfragen muss. Yulyas Charakterentwicklung ist eine der Stärken des Romans, wobei die Autorin auch einen eigenen Stil an den Tag legt, der für jene Fantasyfans, die sich eher auf magische Duelle oder epische Schlachten freuen, eher enttäuscht sein werden. Man muss sich auf die Geschichte einlassen, dann aber kann diese ihre volle Wirkung entfalten. Etwas brodelt immer im Hintergrund, aber Sprikuts Erzählweise ist eine ruhige, die jedoch nie langweilt und auf angenehme Weise Spannung aufweist. Sie lässt sich Zeit mit ihrer Geschichte und das stellt sich nicht als Nachteil heraus. Tatsächlich scheint die Geschichte noch mehr Potential zu bergen und man mag schon fast enttäuscht sein, dass man sich nicht auf tausende von Seiten in einer epischen Geschichte verlieren kann. 
Gelungen ist auch das Worldbuilding . Die Geschichte verzichtet auf lange Erklärungen und lässt die Welt nach und nach durch Begegnungen, Legenden und Konflikte lebendig werden. Am Anfang ist der Leser fast so ahnungslos wie Yulya, aber nach und nach taucht er (und sie) in eine neue aufregende Welt ein. Und auch wenn die Schatten ständig präsent scheinen (meist nur in Gedanken, aber auch diese haben Macht über den Menschen) geht die Bedrohung geht nicht von Monstern oder dunklen Mächten aus, sondern von den Ängsten, Vorurteilen und Machtkämpfen der Menschen selbst. Dieses Zusammenspiel verleiht dem Roman eine angenehme Tiefe. Auch die Figuren überzeugen. Freundschaften, Loyalität und Verrat spielen eine zentrale Rolle, ohne in einfache Schwarz-Weiß-Muster zu verfallen. Viele Charaktere handeln aus nachvollziehbaren Motiven, wodurch selbst Gegenspieler mehrdimensional erscheinen. Gerade diese moralischen Grauzonen machen die Handlung spannend und verhindern, dass sie vorhersehbar wird.
Klassische Fantasy? Irgendwie schon. Low Fantasy? Auf jeden Fall. Episch und erfrischend anders? Ja. Vielleicht nicht jedermanns Sache, aber eine Geschichte in einer Welt von der man mehr erfahren möchte. Mit Yulya als Protagonistin oder jemand anderen. Es kann noch viel erzählt werden, und es wäre schon, wenn das der Fall wäre. 

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