Mit „Insel der Ratten“ verlässt Jo Nesbø mal wieder das vertraute Terrain des klassischen Kriminalromans und präsentiert stattdessen eine düstere, beklemmende Dystopie. Ich habe bisher noch keinen Krimi gelesen und das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe (Das Nachthaus) hat mir gut gefallen. Aber auch das war kein Krimi...
„Insel der Ratten“ ist mit gut 200 Seiten (ca. viereinhalb Stunden Hörgenuss) ungewöhnlich kurz. Dadurch bleibt manches nur angedeutet: Die dystopische Welt hätte deutlich mehr Raum für ihre gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen geboten, und die meisten Charaktere wirken eher skizzenhaft als vollständig ausgearbeitet. Dabei hat die Geschichte an sich viel Potential.
Teilweise drastisch und kompromisslos bedient sich Nesbø der Darstellung von Gewalt. , dient jedoch meist dazu, den moralischen Verfall der Gesellschaft zu verdeutlichen, statt bloß zu schockieren. Nichts für zartbesaitete ...
Nesbø benutzt keine klassischen Helden, sondern Menschen, die zwischen Rache, Loyalität und dem Wunsch nach Gerechtigkeit schwanken und lässt es seiner Geschichte nicht an Glaubwürdigkeit fehlen. Nesbø zeichnet ein erschreckend realistisches Endzeitszenario, das unweigerlich Erinnerungen an die COVID-19-Pandemie weckt, dieses Gedankenexperiment aber konsequent bis zum gesellschaftlichen Kollaps weiterführt. Die Spannung entsteht weniger durch spektakuläre Action als durch die ständige Unsicherheit, wem man noch vertrauen kann und wie weit Menschen für ihr eigenes Überleben gehen würden.
Die Handlung wird abwechselnd aus der Sicht von Will und Yvonne erzählt, im Hörbuch gesprochen von Oliver Siebeck, Jenny Laura Bischoff. Gerade dieser Wechsel wirkt besonders im Hörbuch, da man dadurch unterschiedliche Sichtweisen auf denselben Konflikt bekommt.
Überzeugt hat mich das (Hör)Buch jedoch nicht, auch wenn die Grundidee ihren Reiz hat. Das liegt aber nicht an den Sprechern, sie geben ihr Bestes und ja, sie sind auch der Grund warum man bis zum Schluss durchhält, denn es macht Spaß ihnen zuzuhören. Aber ... es sind nicht die Sprecher die für den Inhalt verantwortlich sind.
Viele Aspekte der neuen Ordnung werden lediglich angerissen und nie wirklich vertieft, sodass die Kulisse oft eher wie eine Bühne für einzelne Schockszenen wirkt als wie eine glaubwürdige Zukunftsvision. Auch wenn die Beweggründe der Charaktere nachvollziehbar sind, so wäre noch viel Platz nach oben gewesen. So fehlt beispielsweise die emotionale Tiefe, so dass man als Leser (oder Hörer) nicht wirklich mit den Protagonisten mitfühlen kann. Die Handlung entwickelt sich vorhersehbarer als erwartet, und die gesellschaftskritischen Aussagen bleiben oft auf einem recht offensichtlichen Niveau.
Ein Buch auf das man gut verzichten kann. Noch fehlt mir der Vergleich, aber ich habe gesehen, dass Nesbø es besser kann. Und seine Harry Hole Bücher scheinen Kult zu sein (aber das kann ich noch nicht beurteilen). Es gibt bessere Dystopien.
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