Montag, 30. März 2026

Jan Jekal: Paranoia in Hollywood (Rezension)

Santa Monica, Pacific Palisades oder Beverly Hills – das sind die klingenden Namen des kalifornischen Idylls, in dem sie Zuflucht gefunden haben: Filmemacher und Schauspieler, Schriftsteller und Intellektuelle, die in den 1930er- und 1940er-Jahren vor den Nazis aus Europa fliehen mussten. Sie bilden eine Solidargemeinschaft der Exilierten: Bertolt Brecht, Helene Weigel und Hanns Eisler, Billy Wilder und Vicki Baum, Fritz Lang und William Wyler, Thomas und Heinrich Mann. Wer in Berlin, Wien oder Prag einen Namen hatte, folgte dem Ruf der boomenden Filmindustrie Hollywoods. Doch dieses romantische »Weimar am Pazifik« ist nicht die ganze Geschichte: Noch während sie im beginnenden Krieg ihren mal militärischen, mal moralischen Beitrag aufseiten der Allierten leisten, werden die Geflüchteten zu Verdächtigen. Eben noch als noble Nazi-Gegner gefeiert, wird jetzt ihr Müll vom FBI durchsucht – der »red scare« und der McCarthyismus machen aus Freigeistern und Linksliberalen feindliche »Kommunisten«. Das Land, das Zuflucht war, wandelt sich zum Ort der Repression und Verfolgung
(Jüdische) Emigranten aus Deutschland in Amerika während und nach dem zweiten Weltkriegs ... ein Thema, über das ich mir nie Gedanken gemacht habe und ... ich wusste nicht einmal dass es so viele waren. Was aber vielleicht auch daran liegt, dass ich bisher nur wenige bis gar keine Berührungen hatte. Vicky Baum, Bert Brecht, Billy Wilder ... die Namen sind bekannt, aber ihre Geschichten waren es bisher nicht. Zumindest mir. Natürlich kennt man die Werke, aber die Personen, die dahinter stecken? Vielleicht war ich auch einfach etwas ignorant. Mir war nicht bewusst, dass Billy Wilder gebürtiger Österreicher war. Aber jetzt bin ich schlauer.
PARANOIA IN HOLLYWOOD ist ein erschreckendes Buch. Deutsche Künstler flohen aus Deutschland, teils weil sie Juden waren, teils weil sie politisch mit den Nazis nicht konform gingen, oder aus anderen Gründen. Und Amerika nahm sie auf. Sie konnten Filme machen, Musik ... und wurden berühmte Hollywoodstars. Nun ja, so ganz ist das nicht passiert, einige haben sich gut an den American Way of Life angepasst, anderen (wie Brecht) fiel es schwer. Und dann ... übertrugen die Amerikaner ihre eigenen Ängste auf die Einwanderer. Natürlich waren deutsche Schauspieler in Nazirollen gern gesehen, und es gab wohl damals einige Filme zur Thematik... aber die Angst vor Kommunisten war in Amerika gegenwärtig (und nahm teilweise doch sehr übertriebene Züge an). Und so wurden aus den Flüchtlingen erneut Personen, denen man irgend etwas zur Last legte (Mitglied der Kommunistischen Partei zu sein).
Jan Jekal folgt den Schicksal einiger deutschen Emigranten bis zu ihrem Tod. Dabei hat er vergessene oder ignorierte Archive ausgewertet, die bislang kaum benutzt wurden. Und so kann Jan Jekal Briefe, Tagebucheinträge und ähnliches dazu nutzen ein sehr lebendiges Bild seiner "Protagonisten" und "Protagonistinnen" zu erschaffen. Dabei vergisst der Leser leicht, dass er ein Sachbuch vor sich hat, aber Jan Jekal schafft es, das Buch wie einen Thriller wirken zu lassen, auch wenn es Tatsachen sind, die er aufzeigt und keinen reißerischen Spannungsbogen. Die deutschen Emigranten sind die Opfer, die amerikanischen Behörden der Gegner. Jekal gibt Einblicke in die Glanzwelt des Films (wobei man auch Glanzwelt in "" setzen müsste) und zeigt das was dahinter ist. Nicht nur für Emigranten, auch für die Künstlerwelt im Allgemeinen.
Ein Buch für alle, die sich für Film und Literatur im zweiten Weltkrieg interessieren.

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