Montag, 2. September 2019

Dolores Redondo: Alles was ich dir geben will (Rezension)

»Er hatte den Verdacht, dass sein ganzes Leben auf einer Lüge aufgebaut war.« Als der Schriftsteller Manuel Ortigosa erfährt, dass sein Mann Álvaro bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, eilt er sofort nach Galicien. Dort ist das Unglück passiert. Dort ist die Polizei auffallend schnell dabei, die Akte zu schließen. Dort stellt sich heraus, dass Álvaro ihn seit Jahren getäuscht und ein Doppelleben geführt hat. Doch was suchte Álvaro in jener Nacht auf einer einsamen Landstraße? Zusammen mit einem eigensinnigen Polizisten der Guardía Civil und Álvaros Beichtvater stellt Manuel Nachforschungen an. Eine Suche, die ihn in uralte Klöster und vornehme Herrenhäuser führt. In eine Welt voller eigenwilliger Traditionen – und in die Abgründe einer Familie, für die Ansehen wichtiger ist als das Leben der eigenen Nachkommen.

WOW. Ich hatte einen unterhaltsamen Krimi erwartet, aber ich habe viel mehr bekommen. Das einzige, was fehlte, war Action, aber es liegt wohl in der Kunst der Autorin einen atmosphärisch dichten, spannenden Krimi zu schreiben, bei dem sowohl der Leser, als auch die Hauptpersonen nicht wissen, ob ein Verbrechen vorliegt. Aber diese anfängliche Unwissenheit (die tatsächlich sehr lange dauert) macht auch den Reiz dieses Romans aus, und es fällt schwer ihn beiseite zu lesen.
Es gab eine Szene, das Zusammentreffen der Matriarchin der Muniz de Dávila mit Manuel, die mir Gänsehaut bereitet hatte. Es ist nichts passiert, es ist ein einfaches Gespräch, aber ... einer der Momente, die zeigen, wie man mit Worten die Gefühle des Lesers manipulieren kann.
Alles was ich dir geben will, zeigt die Kluft zwischen Adel und Normalbevölkerung, die Ablehnung von Homosexuellen, die Schöne Landschaft Galiciens, Dinge, die hinter Mauern passieren und verschwiegen werden und scheinbar durchschaubare Charaktere, die jedoch selten eine Grauschattierung aufweisen. Man denkt schwarz oder weiß. Und selbst zwielichtige Gestalten, sind nicht so zwielichtig wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen (schade eigentlich).
Aber abgesehen von der eindimensionalen Charakterbeschreibung gibt es nichts Negatives über das Buch zu sagen. Trotz der 600 Seiten wird es nicht langweilig, es liest sich leicht und man wird schnell in die Handlung hineingesogen. Vielleicht wird derjenige Enttäuscht, der sich einen düsteren Intrigensumpf erwartet, denn trotz Adels- und Kirchenbeteiligung bleibt es eine kleine Familiengeschichte, die deswegen nicht weniger spannend ist.

Was mir persönlich auch gut gefallen hat, war die Beiläufigkeit, wie mit der Homosexualität der Hauptperson umgegangen wir. Natürlich gibt es die eine oder andere homophobe Äußerung, aber es sind andere Dinge, die größere Wichtigkeit haben.
Alles was ich dir geben will, zeigt eine natürliche Art der Homosexualität, die genauso beiläufig ist wie es die Sexualität in einem Krimi auch sein sollte. Und doch .... auf der anderen Seite ist sie wichtig... aber es ist schön, wenn ein schwuler Charakter nicht geifernd und schwanzgesteuert durch die Handlung irrt. Es ist ein unterhaltsamer (sexloser) Krimi, kein Porno und keine Liebesgeschichte.

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