Samstag, 11. Januar 2020

Olivia Kleinknecht: Der Kuss (Rezension)

- Bring ich mich einfach um, wenn mein Leben am Alter scheitert? -
Eigentlich geht es in diesem Roman ums Zurechtkommen mit dem Älterwerden. Oder um das Nichtzurechtkommen, besser gesagt. Der eitle Regisseur Angelotti flieht in wilde sexuelle Eskapaden, die – je älter er wird - immer absurdere Formen annehmen. Von diesen Eskapaden erzählt er einer jungen Freundin in seinen Briefen.
Die Freundin liest nun Angelottis Briefe erneut im hohen Alter. Sie lebt alleine, schafft kaum mehr ihren Haushalt und tröstet sich mit dem Lesen dieser alten Briefe (und dem Fernsehen). In ihrer Wohnung, die sie kaum mehr verlassen kann, gibt es sonst nichts Lebendiges.
In den Briefen erfahren wir, auch Angelotti kämpft mit dem Alter. Neben den banalen äußeren Anzeichen beschreibt er die viel heimtückischeren, inneren Signale, den negativen Umschwung der Grundstimmung, die zunehmende Ängstlichkeit, das abnehmende Selbstvertrauen, die wachsende Sentimentalität, seine stärkere Zärtlichkeitssucht und zugleich seine wachsende Toleranz für Gewalt, besonders seiner eigenen Person gegenüber: Seit ihm das Leben immer mehr Misserfolge bereitet, findet er zuweilen nur noch in Körperqualen Erleichterung. „Sollte meine Potenz so nachlassen, dass mein Glied überhaupt nicht mehr steif wird, töte ich mich,“ schreibt er seiner Brief-Freundin.
Angelotti tat immer, was er wollte, überschritt alle Grenzen. Sein Leben war eine Bühne. Schafft er es, auch seinen Abgang lustvoll zu gestalten?
Die Alte nimmt fraglos hin, wie ihr Leben immer öder wird. Was sagen ihr jetzt noch die amoralischen Briefe Angelottis, die ein „Viva la libertà“ eines modernen Don Giovanni herausschreien? Auch sie denkt an ihren Tod. Schwingt sie sich so spät noch zu einer letzten freien Entscheidung auf?
Der Ort, an dem die Geschichte spielt, ist Rom. Sie könnte aber überall spielen. Im Alter spielt der Ort nur noch eine geringe Rolle. Reduziert sich häufig in tragischer Weise auf vier Wände.
DER KUSS ist die Fortsetung von DER REGISSEUR.
Mit dem Vorgänger bin ich ja nicht wirklich warm geworden und das Interesse an der Fortsetzung war eher gering.
Ich konnte auch keinen direkten Zusammenhang zwischen den beiden Büchern sehen, abgesehen von von Angelotti, der aber (so wie ich es anfangs verstanden hatte) eine andere Rolle haben würde.
Nun ja, ich habe mich getäuscht.
Und ich habe das Buch auch nur gelesen, weil es mir die Autorin angeboten hatte. Es ist kürzer als DER REGISSEUR also habe ich zugesagt, dass Buch zu lesen.
Vielen Dank Olivia, dass ich es lesen durfte, obwohl ich deinen Regisseur etwas nieder gemacht habe.

Zum Buch selbst.
Es ist gut. Es liest sich schnell, es ist interessant und beide Protagonisten (sowohl Angelotti mit seinen merkwürdigen Anwandlungen) als auch seine (ur)alte Freundin, die beide (auf ihre Weise) mit dem Älterwerden (bzw. dem Altsein) umgehen.
Es ist nicht zwingend notwendig den REGISSEUR gelesen zu haben, aber (egal ob man dieses Buch mochte oder nicht) man bekommt neue Einblicke auf vergangene Geschehnisse und Charaktere des Vorgängers.
Man kann den KUSS aber auch ohne Vorkenntnisse lesen, dann ist der Spaß nur nicht ganz so groß.
Das Buch hat mich echt überrascht. Und auch meine Meinung zu Angelotti hat sich geändert.

Ein Buch so anders als der REGISSEUR, fesselnd und spannend (und manchmal auch ein bisschen abartig und ich gebe zu, dass ich bei manchen Szenen durchaus schmunzeln musste ... und auch das ist etwas makaber).
Und mein Blutdruck blieb normal.
Anders als der REGISSEUR, aber viel viel besser. 

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