Mittwoch, 14. November 2018

Die Galapagos-Affäre (und die literarische Umsetzung)

Der von Journalisten geprägte Begriff Galápagos-Affäre bezeichnet Ereignisse, die sich zwischen März und November 1934 hauptsächlich unter deutschen Ansiedlern auf der zum Galápagos-Archipel gehörenden Insel Floreana ereigneten und im Zuge deren drei Menschen unter teilweise ungeklärten Umständen zu Tode kamen sowie drei weitere spurlos verschwanden. Die Ereignisse, die niemals restlos aufgeklärt wurden, beschäftigten weltweit die Massenmedien und regten bis in die jüngste Vergangenheit auch literarische und filmische Verarbeitungen an.
Ab Ende der 1920er Jahre ließen sich mehrere Gruppen von Aussteigern aus Deutschland auf der zu diesem Zeitpunkt unbewohnten Insel Floreana  nieder, um dort abseits der Zivilisation als Selbstversorger zu leben. Die erste Gruppe bestand aus dem Berliner Arzt Friedrich Adolf Ritter (geboren am 24. Mai 1886 in Wollbach, Großherzogtum Baden, heute Baden-Württemberg) und seiner Lebensgefährtin, der Lehrerin Dore Körwin (geboren um 1901/1902 als Dore Strauch, die nach der Trennung von ihrem Mann wieder ihren Mädchennamen trug), die sich im September 1929 auf Floreana niederließen. Durch mehrere Zeitungsartikel und ein Buch, in dem er sich selbst zum „neuen Robinson“ stilisierte, machte Ritter sein Experiment der Öffentlichkeit bekannt, deren Interesse bereits durch aufsehenerregende Details wie den vorangegangenen „Partnertausch“ – Ritter wurde von seiner Geliebten begleitet, während seine Ehefrau mit deren Mann zusammenzog – geweckt worden war. Auch der Umstand, dass sich Ritter und Strauch vor der Abreise aus Deutschland sämtliche Zähne hatten ziehen lassen, um zahnmedizinischen Problemen vorzubeugen, fand große Aufmerksamkeit, ebenso die Tatsache, dass beide – außer wenn Besucher kamen – auf Floreana üblicherweise keinerlei Kleidung trugen. Ritters und Strauchs „Zivilisationsflucht“ war angeregt durch der Form nach philosophische Überlegungen Ritters, die dieser jedoch nie in ausformulierter Weise publizierte. Im Wesentlichen bestanden Ritters philosophische Überlegungen, soweit anhand seiner Veröffentlichungen rekonstruierbar, aus einer eklektischen Mischung aus Versatzstücken der Philosophien Nietzsches und Lao-Tses, erweitert durch mystizistische Elemente (so schrieb er etwa über die „tiefe Symbolik“ der Parabel, die als „faustische Kurve“ für den „germanischen Menschentypus“ stehe). Dazu gesellte sich eine grundlegende Ablehnung der westlichen Zivilisation (mit kuriosen Details wie der Abneigung gegen das Tragen von schwarzer Bekleidung und von Kopfbedeckungen), lebensreformerischen Überlegungen, der Ablehnung von Alkohol, Nikotin, Kaffee, Getreide- und Milchprodukten, sowie dem programmatischen Bekenntnis zu vegetarischer Ernährung (Letzteres blieb Theorie; Ritter selbst konsumierte Fleisch, wie nicht zuletzt die Umstände seines Todes belegen). Ritter betonte nachdrücklich, dass seine Ablehnung zentraler Aspekte der europäischen Zivilisation nicht auf eine Verherrlichung des primitiven Lebens „der Wilden“ abziele, auch wäre es nicht seine Absicht, Schüler und Jünger heranzuziehen – seine Entscheidung, sich auf Floreana anzusiedeln, wurde von ihm als rein persönlich interpretiert. Darüber hinaus stand Ritter auch der medikamentösen Behandlung von Krankheiten kritisch gegenüber, diese sollten vielmehr durch die „Kraft der Gedanken“ überwunden werden. Ritters postum veröffentlichte Aufzeichnungen sind darüber hinaus von einer massiven Ablehnung der kapitalistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsform (die USA galten ihm als „Ameisengesellschaft“) und von einem ausgeprägten Überlegenheitsgefühl gegenüber der lateinamerikanischen Bevölkerung geprägt; sie enthalten auch extrem rassistische und teilweise auch antisemitische Aussagen: Menschen afrikanischer Herkunft wurden von ihm etwa wörtlich als „große Affen“ bezeichnet.

 Angeregt durch Ritters Artikel versuchten in der Folge mehrere Gruppen von Personen, in der Hauptsache Deutsche, gleichfalls, sich auf Floreana niederzulassen: Die meisten gaben den Versuch jedoch rasch auf. Dauerhaft ließ sich im August 1932 das aus Köln stammende Ehepaar Heinz und Margret Wittmer, gemeinsam mit Heinz Wittmers zwölfjährigem Sohn aus erster Ehe Harry, auf der Insel nieder (Heinz Wittmer war davor im Kölner Rathaus im Sekretariat des damaligen Bürgermeisters Konrad Adenauer angestellt gewesen). Die Wittmers versuchten einerseits der Wirtschaftskrise in Deutschland zu entfliehen, andererseits erhofften sie sich durch das Klima eine Verbesserung des Gesundheitszustandes von Harry Wittmer, der an Lungen- und Augenkrankheiten litt; diese Hoffnung ging jedoch nicht in Erfüllung. Margret Wittmer war bei ihrer Ankunft auf Floreana schwanger; ihr Sohn Rolf, der am Neujahrstag des Jahres 1933 zur Welt kam, ist der erste Mensch, der offiziell beurkundet auf Floreana geboren wurde (verstorben 2011). Vier Jahre später, am 18. April 1937, wurde die Tochter Floreana Ingeborg geboren.

 Im Oktober 1932 ließ sich eine dritte Gruppe von Ansiedlern auf Floreana nieder: Angeführt wurde sie von einer Frau – vermutlich eine Hochstaplerin –, die sich als österreichische Baronin Eloise Wagner de Bousquet ausgab (der Name Bousquet ging vermutlich auf die Ehe der „Baronin“ mit einem französischen Piloten zurück; die Namensangaben differieren in den Quellen: So wird gelegentlich als Vorname auch Elvira, als Nachname auch Wehrborn de Wagner-Bosquet angegeben). Begleitet wurde sie von zwei Männern deutscher Herkunft, die beide offenkundig in intimer Beziehung zur „Baronin“ standen: Rudolf Lorenz, der davor gemeinsam mit der Baronin ein Geschäft namens „Antoinette“ in Paris betrieben und in den Konkurs geführt hatte, und Robert „Bubi“ Philippson aus Berlin. Anfangs gehörte auch noch ein ecuadorianischer Dienstbote zu dieser Gruppe, der die Insel jedoch bald wieder verließ; auch mehrere weitere Begleiter deutscher bzw. österreichischer Herkunft blieben nicht auf Floreana. Erklärte Absicht der Baronin war es, auf Floreana ein Luxushotel zu errichten, wofür auch große Mengen an Baumaterial angeliefert wurden: Die sogenannte „Hacienda Paradiso“ bestand aber letztlich nur aus einer Wellblechhütte mit zwei Räumen, was die Baronin aber nicht daran hinderte, für ihr „Hotel“ Werbung zu betreiben. Die Anwesenheit des „philosophischen Robinson“ Ritter und der selbsternannten „Kaiserin von Floreana“ (so präsentierte sich die Baronin in Zeitungsartikeln) lockte in der Folge tatsächlich immer wieder Besucher, hauptsächlich wohlhabende US-amerikanische Jachtbesitzer, auf die abgelegene Insel. Die vermeintlich weitab von jeder Zivilisation gelegene Aussteigerkolonie wurde zu einer Attraktion für betuchte Touristen; die Ansiedler auf Floreana wurden von diesen regelmäßig reich beschenkt und erstellten in der Folge regelrechte Einkaufslisten für künftige Besucher. Insbesondere der US-amerikanische Millionär und Philanthrop Allan Hancock besuchte die Insel regelmäßig mit seiner Jacht, auf der auch zahlreiche Wissenschaftler, darunter der Zoologe und Meeresbiologe John S. Garth, den Galápagos-Archipel bereisten; von ihm stammt umfangreiches Filmmaterial über die Siedler von Floreana. Von Anfang an gestaltete sich das Zusammenleben der übrigen Ansiedler mit der Baronin und ihren Begleitern konfliktträchtig. Einerseits sind die Süßwasservorräte auf der Insel beschränkt, andererseits erhob die Baronin bald den Führungsanspruch gegenüber allen Bewohnern der Insel: Ihrer Auffassung nach wurden Ritter, Strauch und die Wittmers von ihr auf „ihrer“ Insel nur geduldet; sie „beschlagnahmte“ unter Androhung von Waffengewalt Versorgungslieferungen, die für andere bestimmt waren, und kontrollierte auch den Postverkehr der übrigen Bewohner. Ihr nicht genehme Besucher wurden teilweise gewaltsam von der Insel vertrieben, wobei im November 1932 ein norwegischer Jäger erheblich verletzt, im Juni 1933 ein dänischer Kaufmann, der zuvor zeitweilig auf der „Hacienda Paradiso“ gelebt hatte, durch einen Bauchschuss, den ihm die Baronin unter ungeklärten Umständen beigebracht hatte, sogar lebensbedrohlich verwundet wurde. Schriftliche Eingaben Ritters und der Wittmers an die ecuadorianischen Behörden, dem gewaltsamen Treiben der Baronin ein Ende zu setzen, führten zu keiner Verbesserung der Situation.

Nicht nur das Zusammenleben der einzelnen Siedlergruppen untereinander, sondern auch jenes innerhalb der einzelnen Gruppen gestaltete sich zunehmend konfliktgeladen. Das Verhältnis zwischen Friedrich Ritter und Dore Strauch – die aufgrund einer durch Krankheit (Multiple Sklerose) hervorgerufenen massiven Gehbehinderung mit den schwierigen Lebensumständen auf der Insel nur schlecht zurechtkam – gestaltete sich zunehmend schwierig. Augenzeugenberichten zufolge wurde Strauch von Ritter, teilweise auch in Gegenwart von Dritten, körperlich misshandelt. Noch dramatischer gestalteten sich die Umstände innerhalb der Gruppe der Baronin, wo der mittlerweile (vermutlich an Tuberkulose) erkrankte Rudolf Lorenz zunehmend in die Rolle eines Arbeitssklaven gedrängt und von seinem körperlich überlegenen Rivalen Philippson regelmäßig verprügelt wurde. Anfang 1934 flüchtete Lorenz aus dieser für ihn zunehmend unerträglichen Situation und lebte in der Folge teilweise als Gast bei den Wittmers, teilweise versteckte er sich vor der Baronin und Philippson und bemühte sich gleichzeitig um eine Möglichkeit, die Insel zu verlassen. Dem Ehepaar Wittmer vertraute Lorenz an, er fürchte, dass die Baronin und Philippson vorhätten, ihn zu ermorden.

Nach Aussage von Margret Wittmer suchte die Baronin am 26. März 1934 das Ehepaar Wittmer auf, wo sie nur Frau Wittmer antraf; sie bat diese, Lorenz die Nachricht zu überbringen, dass sie und Philippson vorhätten, mit einer vor Floreana vor Anker liegenden amerikanischen Jacht die Insel in Richtung Tahiti zu verlassen. Dieses Gespräch stellt – sofern Margret Wittmers Darstellung zutrifft – das letzte Auftreten der Baronin vor Zeugen dar; sie und Philippson verschwanden in der Folge spurlos. Lorenz verkaufte daraufhin das gesamte Eigentum der Gruppe um die Baronin, inklusive des in die Hacienda Paradiso eingebauten Baumaterials, an Ritter und die Wittmers und verließ im Juli 1934 die Insel auf dem Boot des norwegischen Fischers Trygve Nuggerud in Richtung Santa Cruz – dort heuerte Lorenz Nuggerud an, ihn nach San Cristóbal (Chatham) weiterzutransportieren, wo er auf die Möglichkeit einer Schiffspassage nach Europa hoffte. Nuggeruds Boot kam jedoch nie auf San Cristóbal an. Am 17. November 1934 wurden die Leichen von Lorenz und Nuggerud auf der zum Galápagos-Archipel gehörenden unbewohnten Insel Marchena entdeckt, die sie mit dem Rettungsboot von Nuggeruds Boot erreicht hatten. Nuggeruds Motorboot und sein zwölfjähriger ecuadorianischer Schiffsjunge José Pasomino wurden nie gefunden. Am 21. November 1934 verstarb Friedrich Ritter auf Floreana an den Folgen einer Lebensmittelvergiftung, wobei die Umstände von Ritters Tod den Verdacht nahelegen, dass die tödliche Vergiftung von Dore Strauch mit Absicht herbeigeführt worden sein könnte. Strauch verließ Floreana im Dezember 1934 in Richtung Deutschland, wobei sie sich unmittelbar vor ihrer Abreise Verhören durch einen Vertreter der ecuadorianischen Behörden und durch den deutschen Konsul in Ecuador stellen musste: Die Einvernahme durch die ecuadorianischen Behörden war jedoch augenscheinlich nur eine Formsache, es wurde nicht einmal ein beeideter Dolmetscher beigezogen.

Es gibt tatsächlich zahlreiche literarische Aufarbeitungen des Themas.
Georges Simenon, der "Erfinder" des Kommissar Maigrets, war von den Geschehnissen derart beeindruckt, dass er unmittelbar darauf, im März 1935, im Zuge seiner Weltreise einen Zwischenaufenthalt auf Tahiti einlegte und diesen dazu nutzte, die Geschehnisse in seinem Roman Ceux de la soif (der Titel ist eine Anspielung auf die Bergpredigt, Mt 5,6 BDS) zu verarbeiten – das Buch erschien jedoch erst drei Jahre später, im Jahre 1938. Die Figuren der Handlung sind darin eng den realen Personen nachempfunden, soweit Simenon die Geschehnisse rekonstruieren konnte. Das Buch erschien unter dem Titel Die da dürstet erst im Jahre 1989 erstmals in deutscher Übersetzung; seit 2006 ist es unter dem veränderten Titel Hotel „Zurück zur Natur“ in einer überarbeiteten Übersetzung lieferbar.
Im Jahre 2001 veröffentlichte der deutsche Schriftsteller Günter Seuren seinen Roman Die Galápagos-Affäre. Der Autor war im Zuge von Recherchen für Dokumentarfilme (Schätze dieser Erde, von Seuren in drei Bänden veröffentlicht), die er in den 1980er Jahren unternommen hatte, auf die Galápagos-Affäre aufmerksam geworden.
Im Jahr 2013 wurde die Galápagos-Affäre durch den deutsch-ecuadorianischen Autor Nicolas Montemolinos im Buch Drama auf Floreana erneut detailliert recherchiert.
2017 erschien der Roman Das Ende der Galápagos-Affäre des ehemaligen Galápagos-Naturführers Marcus Fedor Straub.
Am 16. März 2017 wurde am Wiener Theater in der Josefstadt unter der Regie von Stephanie Mohr das Drama Galápagos des österreichischen Dramatikers Felix Mitterer uraufgeführt.

Im Moment befinden sich folgende Bücher zur Galapagos-Affäre auf meinem Sub:
Margaret Wittmer: Postlagernd Floreana
Luise Maria Dressler: Postlagernd Floreana, actual 2015
George Simenon: Hotel „Zurück zur Natur“
Marcus Fedor Straub: Das Ende der Galapagos-Affäre
Günter Seuren: Die Galapagos-Affäre
Felix Mitterer: Galapagos
John Treherne: Verloren im Paradies Die Affäre

Auch filmisch wurde die Affäre mehrmals umgesetzt. U. a. in Satan came to Eden (das auch der Titel der Erinnerungen der Dore Strauch sind ... allerdings ist der Film von 2014 keine Verfilmungen der Erinnerungen, ebensowenig wie das Buch Satan kam nach Eden von Georg Bremer eine Übersetzung darstellt).



Mehr zu den Galapagos-Inseln findet man hier.

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