Sonntag, 15. August 2010

Die Nachtigall

Einst saß an meinem Fensterbrett eine Nachtigall. Sie sang mit wunderschöner Stimme, von einer Liebe, nur für mich. Sie erzählte von einem Mann, der auf mich wartete. Jeden Abend saß der Vogel vor meinem Fenster und sang sein Lied. Monatelang, bei jedem Wetter. Ich hörte ihm zu, genoss den Klang. Nur die Stimme wollte ich nicht hören. Manchmal klang die Nachtigall sehr verzweifelt. Aber sie sang weiter. Mit stolzer Brust von meiner Liebe. Mich überkam das Mitleid, denn ich sah ihr Leiden. Ich verstand es nicht, aber ich dachte, der Vogel würde glücklich werden, wenn er in einem Käfig in meiner Wohnung war. Es war die Nachtigall, die Mitleid hatte. Mit mir, und der Liebe, die bisher unerwidert war. Sie ließ sich nicht fangen, in keinen Käfig sperren.
Und ich verstand sie nicht. Der Winter kam, und mit ihm der erste Schnee. Die Nachtigall blieb mir treu. In ihrem Lied war Traurigkeit zu hören, Verzweiflung. Nicht ihre, die der Liebe. Der kleine Vogel magerte ab, nur die Liebe, von der er sang, schrumpfte nicht.
Dann, eines Morgens, lag der Vogel vor meiner Haustür. Erfroren. Das Lied der Liebe war erloschen.

Manchmal, wenn der Wind weht, erzählt er Geschichten vom Vergangenen. Nicht für das menschliche Gehör bestimmt, sind es die Vögel, die von Leid und Liebe erzählen. Das Käuzchen, welches die Verstorbenen beklagt, der Ziegenmelker, dessen Schrei die Toten in ihr Reich begleitet und die Nachtigall, die bei Dunkelheit von Leid und Liebe singt. Die Herzen der Menschen erschaudern und fürchten ihren eigenen Tod. Doch die Stimmen der Toten ignorieren sie, statt von ihnen zu lernen.

Ich wartete den Winter ab, bis ich den Vogel begrub. Er hatte es verdient. Es war eine klare Vollmondnacht im Februar. Ich schaufelte ein kleines Loch in meinen Garten und legte die Nachtigall hinein. Ich betete nicht, aber ich dachte an das tote Tier.

Warum bist du gegangen? Dein Lied erfreut die Herzen der Welt, aber du musstest gehen. Warum? Wegen mir? Nur, weil ich dein Lied nicht verstanden habe? Wegen dir? Nur, weil ich dein Lied nicht verstanden habe?
Ich höre dich noch immer, in meinen Träumen. Und ich verstehe dich, besser als zu deinen Lebzeiten. Du hättest nicht sterben müssen.

Allerheiligen war ich auf dem Friedhof. Viel zu spät. Ich fand das Grab obwohl ich es nicht gesucht habe:

Erik Liefer, 1972 - 2004
„Die Nachtigall sagte zu ihm, dass irgendwo eine Liebe war, nur für ihn. Die Nachtigall flog zu ihm und sagte zu ihm, dass sie die Liebe gefunden hatte. Doch die Liebe wollte nicht verstehen.“

Ich habe geweint und der Nachtigall Blumen gebracht.